Zum Hauptinhalt springen
Haltung und Zucht indischer Buntbarsche
Teile Dein Hobby mit uns!

Vortrag von Dr. Helmut Wedekind beim Aquarienverein Landshut

Buntbarsche? Da denken die meisten Aquarianer zunächst an Südamerika oder an die großen ostafrikanischen Seen. Dass auch Indien eine ganz eigene, evolutionsgeschichtlich hochinteressante Buntbarschfauna besitzt, ist dagegen weit weniger bekannt. Genau diesen ungewöhnlichen Vertretern der Familie Cichlidae widmete sich Dr. Helmut Wedekind bei seinem Vortrag in Landshut.

Für unseren Verein war es zugleich ein Wiedersehen: Bereits während der Corona-Zeit war Helmut Wedekind bei uns zu Gast – damals allerdings nur online. Umso schöner war es, ihn diesmal persönlich in Landshut begrüßen zu können.

Von der Fischzucht zur Aquaristik

Dass Fische Wedekinds Leben seit Jahrzehnten begleiten, wurde schon in seiner Einführung deutlich. Bereits als Kind begann die Beschäftigung mit heimischen Gewässern und den ersten Aquarien. Später folgten Studium und Promotion mit den Schwerpunkten Aquakultur, Fischzucht und Fischernährung. Berufliche Stationen und Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Israel und Indien.

Die Aquaristik blieb dabei stets mehr als nur ein berufliches Randthema. Diskuszucht, Reisen zu natürlichen Fischlebensräumen und die Beschäftigung mit selten gepflegten Arten ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Gerade Arten, über deren Haltung und Fortpflanzung noch vergleichsweise wenig bekannt ist, haben es ihm angetan.

Und damit war der Weg zu den indischen Buntbarschen nicht mehr weit.

Was machen Buntbarsche in Indien?

Die Verbreitung der Buntbarsche auf dem indischen Subkontinent ist evolutionsbiologisch besonders spannend. Indien war einst Bestandteil des südlichen Großkontinents Gondwana. Nach dessen Zerfall driftete die indische Landmasse nach Norden und kollidierte schließlich mit Asien.

Damit lässt sich auch eine bemerkenswerte Verwandtschaft erklären: Die indischen Buntbarsche stehen evolutionsgeschichtlich alten Buntbarschlinien Madagaskars nahe. Ihre heutige Verbreitung erzählt damit ein Stück Erdgeschichte.

Lange waren aus Indien vor allem zwei Arten der Gattung Etroplus bekannt: Etroplus maculatus und Etroplus suratensis. Mit Etroplus canarensis rückte später eine dritte Art stärker in den Blick der Aquaristik.

Zwischen Monsun, Süß- und Brackwasser

Wedekind hatte während eines beruflichen Aufenthalts in Indien Gelegenheit, einige Lebensräume selbst kennenzulernen. Besonders eindrucksvoll waren seine Aufnahmen aus den Western Ghats im Südwesten des Landes.

Viele dortige Gewässer unterliegen starken jahreszeitlichen Veränderungen. Der Monsun kann Wasserstände, Härte und Salzgehalt erheblich verändern. Küstennahe Lebensräume können zeitweise Brackwassercharakter besitzen und während der Regenzeit stark aussüßen.

Die dort lebenden Fische müssen entsprechend anpassungsfähig sein. Wedekind berichtete von Temperaturen meist zwischen etwa 25 und 30 °C sowie teilweise sehr mineralreichen Gewässern. Für süddeutsche Aquarianer eine interessante Erkenntnis: Nicht jeder außergewöhnliche tropische Fisch verlangt weiches Wasser.

Beeindruckend ist auch die enorme Fischvielfalt Indiens. In den von Wedekind besuchten Flusssystemen begegneten ihm neben Buntbarschen unter anderem Barben, Glasbarsche, Grundeln, Schlangenkopffische und zahlreiche weitere Arten.

Etroplus maculatus – der kleine Klassiker

Der Orange Chromide Etroplus maculatus ist der kleinste und wohl bekannteste Vertreter der Gruppe. Mit weniger als zehn Zentimetern Länge bleibt er vergleichsweise handlich und verhält sich außerhalb der Fortpflanzungszeit meist friedlich.

Besonders interessant ist seine Brutbiologie. Etroplus sind Substratlaicher, deren Eier über einen auffälligen Haftapparat am Untergrund befestigt werden. Die Eltern befächeln und reinigen das Gelege intensiv. Nach dem Schlupf werden die Jungfische gemeinsam von beiden Eltern geführt.

Wedekind konnte dieses Verhalten sogar im natürlichen Lebensraum beobachten. In nur wenige Zentimeter tiefem Wasser schwammen die Eltern voraus, während der Jungfischschwarm folgte. Immer wieder wurde an geeigneten Stellen Halt gemacht und der Untergrund nach Nahrung abgesucht – ein faszinierender Einblick in ein Verhalten, das man sonst meist nur aus dem Aquarium kennt.

Von E. maculatus existiert außerdem eine auffällige goldgelbe Zuchtform.

Etroplus suratensis – der große „Pearlspot“

Deutlich größer wird Etroplus suratensis. Die Art erreicht etwa 20 bis 30 Zentimeter und fällt durch zahlreiche glänzende Punkte auf den Körperseiten auf. Im Englischen trägt sie daher passend den Namen „Pearlspot“.

In Indien ist dieser Buntbarsch nicht nur Aquarienfisch, sondern auch Speisefisch. Wedekind konnte ihn auf lokalen Märkten ebenso kennenlernen wie auf dem Teller – traditionell gewürzt und im Bananenblatt zubereitet.

Aquaristisch erwies sich E. suratensis allerdings als durchaus eigenwillig. Wasserpflanzen, Filtermatten und sogar Kunststoffpflanzen können dem ausgeprägten Nagebedürfnis der Tiere zum Opfer fallen. Ein klassisches bepflanztes Gesellschaftsaquarium ist für diese Art daher kaum geeignet 

Etroplus canarensis – der besondere Außenseiter

Besonders ausführlich widmete sich Wedekind Etroplus canarensis. Die Art besitzt nur ein kleines natürliches Verbreitungsgebiet in Flusssystemen der Western Ghats und ist im Gegensatz zu ihren Verwandten ein ausgesprochener Süßwasserbewohner.

Auch im Verhalten unterscheidet sie sich deutlich von den bekannteren Arten. E. canarensis ist ausgesprochen schwimmfreudig und zeigt ein bemerkenswertes Gruppenverhalten. Die Tiere sollten deshalb nicht einzeln oder paarweise, sondern in einer größeren Gruppe und in entsprechend geräumigen Aquarien gepflegt werden.

Gleichzeitig stellen sie hohe Ansprüche an die Wasserqualität. Gute Filterung, viel Sauerstoff und Strömung sowie regelmäßige Wasserwechsel sind wichtig. Insbesondere erhöhte Stickstoffbelastungen werden schlecht vertragen.

Eine weitere Herausforderung bei Wildfängen können Kiemenparasiten darstellen. Hier betonte Wedekind die Bedeutung einer konsequenten Quarantäne neu erworbener Tiere.

Wasserpflanzen? Keine Chance!

Eine der unterhaltsamsten Erkenntnisse des Abends betraf die Ernährung. Erwachsene Etroplus canarensis besitzen einen erheblichen pflanzlichen Nahrungsanteil – und nehmen darauf bei der Aquariengestaltung wenig Rücksicht.

Anubias? Gefressen.

Cryptocorynen? Gefressen.

Andere Wasserpflanzen? Ebenfalls gefressen.

Selbst robuste Pflanzen wurden bis zu Stängeln und Rhizomen abgeraspelt. Auch Kunststoffpflanzen und Filtermaterial blieben nicht immer verschont.

Dafür zeigten die Tiere eine deutliche Vorliebe für Salate, Löwenzahn und vor allem Wasserlinsen. Letztere verschwanden in kürzester Zeit vollständig von der Wasseroberfläche. Ergänzend eignen sich pflanzenreiche Trockenfutter sowie Futtermittel mit Spirulina oder Chlorella.

Interessanterweise gilt diese Vorliebe nicht von Anfang an. Jungfische ernähren sich zunächst stärker tierisch. Erst mit zunehmendem Alter steigt der pflanzliche Anteil – eine Parallele zu verschiedenen afrikanischen Buntbarschen.

Die Nachzucht von Etroplus canarensis

Besonders spannend wurde es beim Thema Fortpflanzung. Wedekind gelang es, E. canarensis nachzuziehen.

Die Tiere bildeten Paare und legten ihre Eier auf Steinen oder Holz ab. Zwar zeigten beide Eltern Brutpflege, doch verschwanden die Gelege im Gesellschaftsverband wiederholt über Nacht. Schließlich wurden befruchtete Gelege entnommen und separat erbrütet.

Auch die Aufzucht der Larven erwies sich zunächst als anspruchsvoll. Artemia-Nauplien allein führten nicht sofort zum gewünschten Erfolg, sodass mit verschiedenen Futtermitteln experimentiert werden musste.

Auffällig ist bei den Jungfischen ein markanter Augenfleck im hinteren Körperbereich. Solche sogenannten Ocellen können Fressfeinde vom eigentlichen Auge ablenken und damit einen Angriff auf weniger lebenswichtige Körperregionen lenken. Bei erwachsenen E. canarensis verschwindet dieser auffällige Fleck weitgehend.

Spannende Fische für Spezialisten

Der Vortrag machte deutlich, dass die Gattung Etroplus aquaristisch zu Unrecht ein Schattendasein führt. Die Tiere mögen nicht mit den spektakulären Farben mancher südamerikanischer oder ostafrikanischer Buntbarsche aufwarten. Dafür bieten sie außergewöhnliches Verhalten, interessante Brutpflege und eine Evolutionsgeschichte, die bis zur Aufspaltung Gondwanas zurückreicht.

Für die Haltung lassen sich einige gemeinsame Punkte festhalten: Etroplus bevorzugen warmes, sauerstoffreiches und sehr sauberes Wasser. Viele Tiere kommen hervorragend mit härterem und alkalischem Wasser zurecht. Eine kräftige Filterung und regelmäßige Wasserwechsel sind wichtig. Bei neu erworbenen Wildfängen empfiehlt sich eine sorgfältige Quarantäne. Bei der Ernährung sollte – insbesondere bei älteren Tieren – ein deutlicher pflanzlicher Anteil berücksichtigt werden.

Und wer Etroplus canarensis pflegen möchte, sollte sich vielleicht schon vor dem Kauf von der Vorstellung eines dicht bepflanzten Aquariums verabschieden.

So wurde aus einem Vortrag über drei eher unscheinbare Buntbarsche eine Reise durch Erdgeschichte, Fischbiologie, indische Flusslandschaften und praktische Aquaristik – gespickt mit persönlichen Erfahrungen und Geschichten aus mehreren Jahrzehnten Beschäftigung mit Fischen.

Vielen Dank an Dr. Helmut Wedekind für den spannenden und unterhaltsamen Abend bei uns in Landshut!

Etroplus Canarensis

Etroplus Maculatus

Etroplus Maculatus

Etroplus Suratensis

Bildnachweise: